Forschungsmodul IV: Mentorship: Der Autor und sein Lektor

Leitung: Prof. Dr. Sandra Richter, Universität Stuttgart, Neuere deutsche Literatur
E-Mail: sandra.richter(at)ilw.uni-stuttgart.de
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Sind die literarischen Errungenschaften Thomas Bernhards oder Peter Handkes denkbar ohne Siegfried Unseld, der von sich gesagt hat, er wolle nicht ‚Bücher, sondern Autoren‘ verlegen? Ohne Lektoren, die an der Textgenese, nicht bloß an der Drucklegung beteiligt sind? Schon Max Frischs erstes Suhrkamp-Buch, das Tagebuch 1946-1949, entsteht in intensivem Austausch mit Peter Suhrkamp. Wie ein Blick in den Briefwechsel und die Textstufen verrät, greift der Autor die zahlreichen inhaltlichen und strukturellen Anregungen und Kritikpunkte seines Verlegers in vielen Fällen auf und lässt sie in sein Werk eingehen.

Autorschaftsdebatten haben die poetische Rolle und Funktion des Mentors, der seit Fénelon selbst eine literaturfähige Figur ist, vernachlässigt. Welche veränderte Perspektive auf inventive Prozesse ergibt sich, wenn man sie aus dem kritischen Dialog von Verleger und Autor, Lektor und Autor begreift? Welche poetischen Problemstellungen macht die textbegleitende Korrespondenz sichtbar? Welche Abhängigkeiten, Einflussnahmen und Auseinandersetzungen können rekonstruiert werden? Mit welchen Instrumenten lassen sich literarische Mentorverhältnisse beschreiben? Welche Förderstrategien lassen sich erkennen? Inwiefern setzen sie Kreativität frei, inwieweit blockieren sie sie?

Wesentliche Erkenntnisse haben literaturwissenschaftliche Arbeiten zu Schreibprozessen unter asymmetrischen Bedingungen, zu charismatischen und imitativen Strukturen erbracht. Wie gestaltet sich die jeweils individuelle Betreuungssituation, welchen Effekt hat die Bindung zwischen Autor und Lektor in der literarischen Produktion? Die Frage nach Mentorbeziehungen, die der Suhrkamp Verlag exemplarisch ausgeprägt hat, ist nicht allein eine Angelegenheit des Literaturbetriebs; interessant sind vielmehr die poetischen Implikationen. Hat die critique génétique die Aufmerksamkeit der philologischen Forschung vom Endprodukt auf dessen Entstehung umgelenkt, so ermöglichen Verleger- und Lektoratskorrespondenz, Skizzen, Entwürfe, Werkstufen und Notizen, wie sie im Suhrkamp Archiv in reichem Maß zu finden sind, einen einzigartigen Blick hinter die Kulissen der literarischen Produktion.

Gerade in Bezug auf den dezidiert literarischen Anspruch des Suhrkamp Verlags wird der Blick über spezifische Marktmechanismen und Strategien der Durchsetzung eines Werkes im literarischen Feld hinaus geöffnet und die Frage danach gestellt, wie die Generierung und Sicherung literarischer Qualität funktioniert.