Forschungsmodul III: „Suhrkamp-Kultur“ als Kulturkritik?

Leitung: Prof. Dr. Dorothee Kimmich, Universität Tübingen, Neuere deutsche Literatur
E-Mail: dorothee.kimmich(at)uni-tuebingen.de
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Spätestens seit George Steiners Evokation einer „Suhrkamp-Kultur“ im Times Literary Supplement des Jahres 1973 steht der Name Suhrkamp für eine bestimmte Form der Kultur- und Gesellschaftskritik, als deren Rückgrat die Kritische Theorie der Frankfurter Schule gelten mag. Auch der Verlag selbst stilisiert sich wiederholt zum Träger einer Kulturkritik; besonders deutlich wird dieser Anspruch in Bezug auf die edition suhrkamp formuliert, deren erste Bände 1963 erscheinen und deren explizites Anliegen es ist, „die Gegenwart kritisch zu befragen“.

Doch wie lässt sich das konkret fassen? Welchen Typus und welche Facetten von Kulturkritik bietet die Suhrkamp-Kultur? Welche historischen und aktuellen Referenzen, welche theoretischen Instrumente, welche argumentativen Muster lassen sich identifizieren? Die Bestände im Archiv versprechen einen Zugang zum Labor einer ideen-, theorie- und mentalitätsgeschichtlich bedeutenden Wissensverarbeitung und -produktion, die gleichzeitig selbst das Instrumentarium einer Gesellschafts- und Kulturkritik zur Verfügung stellt. Das Material ermöglicht einen Blick in die Geschichte der Produktions- und Aushandlungsstätte öffentlicher Diskursivität ebenso wie in ein zentrales Kapitel bundesrepublikanischer Theoriegeschichte.

Wie interagiert der Verlag mit den sich formierenden und transformierenden Geistes- und Sozialwissenschaften zu einer Zeit, in der diese selbst starken Expansions- und Differenzierungsprozessen unterworfen sind? Wie erfolgt die Besetzung neuer akademischer Felder, auf die die Programmsteuerung reagiert, und in welcher Weise verändert sich dabei der Kritikbegriff?

Welche Haltungen und Denkmuster setzen sich in der Verlagspolitik durch? Wie lässt sich das Nebeneinander von unterschiedlichen Autoren und Theorieschulen – parallel zu Werken der Kritischen Theorie werden beispielsweise Texte des französischen Poststrukturalismus und der Systemtheorie veröffentlicht – erklären? Hier können Entwicklungen und Konstellationen aufgedeckt werden, die sich allein anhand der publizierten Texte nicht nachvollziehen lassen.

Zahlreiche zeitgleiche und konkurrierende Schulen im Bereich der Wissenschaftstheorie fanden keinen Platz im Programm. Auch alternative Optionen etwa aus den Bereichen des Neomarxismus oder der diversen Schulen der Linguistik erschienen nicht vorzugsweise bei Suhrkamp. Inwiefern erweist sich der Ausschluss von intellektuellen Tendenzen und philosophischen Konzepte, die nicht bei Suhrkamp verlegt wurden, als profilrelevant?

Das Verlagsprogramm und die ihm zugrundeliegenden Absichten und Verhandlungen müssen nach Anknüpfungen im diachronen wie im synchronen Sinne befragt werden. Welche Theorietraditionen werden fortgeführt, welche Autoren und Schulen der Vorkriegszeit werden aufgenommen? Welche Rolle spielt die Wiederaufnahme und programmatische Weiterführung der gerade durch jüdische Intellektuelle geprägten Moderne? Und welche Anschlussmöglichkeiten an die europäische und amerikanische Diskussion ergeben sich daraus? Auf Grundlage der Korrespondenzen, Notizen und Gesprächsprotokolle im Archiv lassen sich Genealogien der einzelnen Werke im Kontext des intellektuellen Klimas der Bundesrepublik erstellen.

Über den verlagsgeschichtlichen Zusammenhang hinaus kann das Modul einen Beitrag zur Erforschung von Modernekonzepten und deren Transformation nach dem Zweiten Weltkrieg leisten.