Forschungsmodul II: Theorie-Konjunkturen

Leitung: Prof. Dr. Bernd Stiegler, Universität Konstanz, Neuere deutsche Literatur und Medienwissenschaften; Angliederung an den Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“
E-Mail: bernd.stiegler(at)uni-konstanz.de
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Strukturalismus, Poststrukturalismus, Diskurstheorie, Systemtheorie – seit Mitte der 1960er Jahre werden die Humanities auf beiden Seiten des Atlantiks von einer Theorieeuphorie erfasst, deren historische Rekonstruktion in den vergangenen Jahren begonnen hat. Das vorschnell ausgerufene ‚Ende der Theorie‘ ist einem reflektierten Umgang mit dem Theoriebegriff und seinen historischen Indizes gewichen. Die Wahrnehmung des Suhrkamp Verlags im In- und Ausland ist stark durch das Theorieprogramm bestimmt, das beansprucht, Diskurse nicht nur zu begleiten, sondern zu gründen, Denkstile nicht nur zu verfolgen, sondern zu prägen.

Die Reihen Theorie I und II sowie das Segment stw prägte die intellektuelle Sozialisation von Studierendengenerationen. Mit Jürgen Habermas, Dieter Henrich, Hans Blumenberg, Jacob Taubes und später Niklas Luhmann stehen dem Verlag in kontroverser Konstellation wirkungsmächtige Berater und Vermittler zur Seite. Die Überlieferung der Akten zu den Theoriereihen und zum Bereich stw im Archiv erlaubt die erstmalige Rekonstruktion eines zentralen Kapitels deutscher Wissenschaftsgeschichte im internationalen Kontext.

Welche Theoriebegriffe lassen sich ausmachen? Unter welchen institutionellen, diskursiven und habituellen Bedingungen bahnt sich die Theoriekonjunktur an? Lässt sich der Erfolg des lancierten Theorieprogramms auf starke Kerndisziplinen oder auf interdisziplinäre Resonanzfähigkeit zurückführen? In welchem Verhältnis stehen die Anfänge von Suhrkamp als Wissenschaftsverlag zur Studentenrevolte von 1968, welche Wechselbeziehungen zur größten systematischen Bildungsexpansion der deutschen Nachkriegsgeschichte lassen sich nachzeichnen?

In welcher Weise ist die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik durch die Frankfurter Schule mit der folgenden Orientierung an französischen, amerikanischen und russischen Theoretikern verknüpft? Wie positioniert sich Suhrkamp gegenüber anderen Akteuren, etwa dem als Kollektiv gegründeten Merve Verlag? Welche Rolle spielen Zentren der Universitätsreformen, darunter Konstanz und Bielefeld? In welcher Weise stellt der Verlag in einer dezentral organisierten Wissenschaftslandschaft diskursive Verdichtung, Referenzsemantiken und Qualitätssicherungsmechanismen bereit?

Im Deutschen Literaturarchiv Marbach, das neben den entsprechenden Akten des Suhrkamp-Archivs auch das Redaktionsarchiv der Theoriezeitschrift alternative, ebenso die Nachlässe von Peter Szondi, Hans Blumenberg und Wolfgang Iser für die Forschung bereithält, bestehen die Ausgangsbedingungen für eine konzentrierte Untersuchung der Frühzeit geisteswissenschaftlicher Theoriebildung in der Bundesrepublik. Anhand der detailliert überlieferten Korrespondenzen, editorischen Notizen, Gestaltungsentwürfe, auch der betriebswirtschaftlichen Dokumentationen lässt sich nicht allein die Genese der Theorieeuphorie in den Geistes- und Sozialwissenschaften nachzeichnen. Erfasst werden soll auch, wie sich das Deutungsangebot für eine solche wissenschaftshistorische Rekonstruktion, das von zentralen Suhrkamp-Theorieautoren wie Michel Foucault und Niklas Luhmann bereitgestellt wird, aus kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive objektivieren lässt.