Forschungsmodul I: Kanonbildung und Werkpolitik

Leitung: Prof. Dr. Steffen Martus, Humboldt-Universität zu Berlin, Neuere deutsche Literatur
E-Mail: steffen.martus(at)hu-berlin.de
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Nach einer langen Zeit der kritischen bis aversiven Behandlung der Kategorien von ‚Autor‘ und ‚Werk‘ in der Literaturwissenschaft wurde in den vergangenen Jahren zunehmend die Frage nach deren Funktion für die Interpretationstheorie und -praxis sowie für die Literaturgeschichte und die Literaturgeschichtsschreibung gestellt. Deutlich wurde dabei vor allem, dass die kommunikative, mediale und textuelle Vielgestalt des Werks und seine Einheit einander nicht zwingend ausschließen, sondern sich oft genug wechselseitig bedingen.

Diese Zusammenhänge werden gerade in Bezug auf die verlegerische Seite der Produktions- und Werkästhetik als Werkpolitik sichtbar. So haben im Suhrkamp Verlag sowohl Peter Suhrkamp als auch Siegfried Unseld etwa die Einzelwerke von Autoren immer wieder prospektiv im Blick auf ein mögliches Gesamtwerk hin gefördert oder retrospektiv dafür gesorgt, dass Autoren als Schöpfer eines Gesamtwerks erscheinen. Wie aber entsteht die ‚Gesamtphysiognomie‘ eines Autors? Wie verhalten sich Einzel- und Gesamtwerk zueinander und zu den diversen Reihen, in denen sie im Verlagsprogramm erscheinen? Wer schreibt, streicht, lektoriert, redigiert, vertreibt, wirbt und verdient mit am Werk und an jener Figur, die als Autor für die Aufmerksamkeitsökonomie im Literaturbetrieb von zentraler Bedeutung ist? Kurz: Welche Funktion haben Autor und Werk für den Verlag – und wie konstituiert sich dabei Literaturgeschichte?

Werkpolitisch interessant sind vor allem die vielfältigen Verflechtungen, Abhängigkeiten und Koalitionen, das Produktions- und Rezeptionskollektiv ‚Verlag‘. Autoren wie etwa Hans Magnus Enzensberger, Wolfgang Hildesheimer, Uwe Johnson oder Martin Walser, werden aufgebaut und gefördert und dienen als ‚Antennen‘ für neue Autoren, literarische Tendenzen und Trends. Hier gilt es Literaturgeschichte als Verlagsgeschichte und damit als Teil einer Literaturbetriebskunde zu fassen und die Netzwerke zu analysieren, die Autoren und Werke profilieren, ‚bestärken‘ und ins literarische Leben bringen.

Der Umgang mit „Klassikern“ und die Verfahren der Kanonisierung in den Verlagen Insel und Suhrkamp sind aus dieser Perspektive werkpolitisch relevant, auch im Blick auf aktuelle Entwicklungen. Die archivalische Rekonstruktion der Strategien, mit denen der Verlag auf die sich verändernden Bindungskräfte kultureller Angebote und bildungsbürgerlicher Selbstverpflichtung reagiert, versprechen exemplarische Ergebnisse für die Bedingungen, unter denen Literaturgeschichte nach 1945 im Allgemeinen sowie Werkpolitiken im Besonderen stehen. Kann hier bereits das Suhrkamp-Design als Kompromiss zwischen bildungsbürgerlichem Anspruch und der Forderung nach Erlebnisqualität, wie sie seit den 1960er Jahren zunehmend wichtiger wurde, gesehen werden?

Es gehört zu den vielen instruktiven Widersprüchen des Suhrkamp-Programms, dass ein Verlag, der sich so sehr der Pflege von Autoren und deren (Gesamt-)Werk verschreibt, selbst die Leitformeln für die Infragestellung eines emphatischen Begriffs von Autor und Werk ins Spiel bringt (mit den einschlägigen Beiträgen z.B. Umberto Ecos, Jacques Derridas, Paul de Mans, Michel Foucaults, Roland Barthes' oder Pierre Bourdieus). Die eigentümlichen Rückkoppelungsschleifen zwischen Literatur, Literaturwissenschaft und Literaturbetrieb gehören zu den vielversprechenden Untersuchungsbereichen werkpolitischer Analysen der Archive von Suhrkamp und Insel.