Reflexionshorizont

So wenig wie es Ziel des Kollegs ist, das Erbe der Buchwissenschaften und der Editionsphilologie fortzuschreiben, kann es auch nicht sein Anliegen sein, den Bestand vor dem Hintergrund einer „Master-Theorie“ zu erklären. Vielmehr müssen, vor einem gemeinsamen Problemhorizont, in den einzelnen Modulen gegenstandsadäquate Verhandlungsbedingungen hergestellt werden. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass zentrale Methoden und Verfahren, die die Geistes- und Kulturwissenschaften in den letzten Jahren geprägt haben, innerhalb des Suhrkamp-Programms nicht nur ihren Publikationsort gefunden haben, sondern ohne die intellektuellen Koordinaten von Suhrkamp nicht zu denken sind. Standort und Durchsetzung der Verfahren sind in die Reflexion einzubeziehen.

Der gemeinsame Reflexionshorizont eröffnet die Möglichkeit zur experimentellen Zusammenführung von Theorie, Archivbestand, Ausstellungen und Zeitzeugenbefragungen. Im Sinne eines Forschungslabors soll das Kolleg den unplanbaren Entdeckungen Raum geben. Der Laborbegriff soll hier dazu dienen, den Experimentcharakter der Situation zu betonen, der sich aus der Parallelführung von Forschungs- und Erschließungsprozess ergibt. Mit der Anknüpfung an aktuelle Studien aus dem Bereich der Labortheorie wird eine systematische Absicht verfolgt: Was sind die epistemischen Dinge, die sich im Prozess der literatur- und intellektuellengeschichtlichen Forschung identifizieren lassen? Wie ist die spezifische Situation der Forschung im Archiv zu begreifen?

Unter Rückgriff auf neuere Konzepte aus der intellectual history, der Labortheorie sowie den material studies kann ein Reflexionshorizont abgesteckt werden, der es ermöglicht, das ‚Phänomen Suhrkamp‘ aus dem Archivmaterial heraus zu erforschen. Die einzelnen Ansätze bilden theoretische Frames, die die Chance bieten, den Blick auf Zusammenhänge und Prozesse zu richten, die sich erst aus der Konfrontation mit dem Material ergeben. Im Mittelpunkt stehen Rekonstruktionsvorgänge, Formen der Gegenstandskonstituierung und des Erkenntnisgewinns, nicht der Abbildung von Ereignisdokumentationen.