Leitfragen

Wie lässt sich die Erfindung des intellektuellen und literarischen Raums der Bundesrepublik aus dem Siegfried Unseld Archiv beschreiben? Liegt eine Meistererzählung im Zentrum, in der von Siegfried Unseld verfassten Verlagschronik – oder muss es darum gehen, die Peripherie zu kartieren, die Netzwerke, die literarischen Soziogramme? Ist eine Verlagsgeschichte als Bewusstseinsgeschichte in den politischen Kraftfeldern des Kalten Krieges, in deutsch-deutschen Verlagsgeschichten zu lokalisieren? Oder in den urbanen Symbiosen der Verlagsstadt?

Wie verläuft die verlegerische, ästhetische und intellektuelle Entwicklung? Wie agiert Suhrkamp im Spannungsgefüge von Ost und West, im Konkurrenzverhältnis hauptsächlich zu S. Fischer und Rowohlt? Welche Rolle spielen die Verlage Suhrkamp und Insel im internationalen literarischen Austausch, welche Funktion nehmen sie bei der Vermittlung deutschsprachiger Literatur im Ausland ein? Welche ökonomische und kulturelle Bedeutung kommt einzelnen Segmenten wie dem Theaterverlag und dem Jüdischen Verlag zu?

Welche Veränderungen und Entwicklungen im Buchmarkt und in der verlegerischen Ökonomie lassen sich aus dem Archivmaterial ablesen? Wie arbeiten Insel und Suhrkamp an der Kanonisierung und der Durchsetzung von Klassikern, welche mediale und kulturpraktische Rolle spielt die Erfindung des hochwertigen Taschenbuchs? Welchen Anteil hat Suhrkamp am Ausbau der Literatur als Performance, an der Autor- und Werkpolitik, am Aufbau des Lesungsbetriebs in den vergangenen fünfzig Jahren?

Welcher Stellenwert kommt der Überlieferung von Textstufen und unpublizierten Manuskripten in den Verlagsarchiven zu? Wo lassen sich verlagshistorische Befunde und ideengeschichtliche Rekonstruktionen verknüpfen? Verlangt der Bestand angesichts der Quantitäten nach Verfahren des „distant reading“ – oder kann nur ein enges Gefüge aus begrenzten Detailstudien der Überlieferungsdichte gerecht werden?